der Kompass für institutionelle Investoren Biospace der Biotechnologie Kompass
der Kompass für die Biotechnologie-Branche
   
Quick Links

 Behörden
 Biotech-Cluster
 Biotech Unternehmen
 Consulter
 Fauna und Flora
 Forschungsinstitute
 Jobs
 Kongresse
 Medien
 Medizin
 Museen
 Private Equity
 Umweltschutz

Quick Search

 Suchbegriff :

Partner
Shortcuts
Shortcuts

[16.11.2009]

FAZ : Krebstherapie: Ein bisschen Stress muss sein

Von Richard Friebe

16. November 2009 Ein Arzt, der einen Krebspatienten immer wieder starkem psychischen Stress aussetzt, und das absichtlich, würde wahrscheinlich irgendwann seine Approbation verlieren. Oder zumindest seine Patienten. Aber was wäre, wenn genau das die Heilungschancen erhöhen würde, auch wenn es dem gesunden Menschenverstand zu widersprechen scheint?

Stress wird seit langem als einer der Faktoren bei der Entstehung und dem Wachstum von Tumoren gehandelt. Und häfuig glauben Patienten, sie hätten gerade in der Zeit, in der sie den Beginn der Krankheit vermuten, unter besonderem psychischen Druck gestanden. Der Regisseur und Konzeptkünstler Christoph Schlingensief etwa schreibt dem Stress, den er während seiner Arbeit an der Parsifal-Inszenierung in Bayreuth erlebte, eine Mitschuld an seiner Lungenkrebserkrankung zu.

Welche Art von Stress?

Doch obwohl es mittlerweile zahlreiche Studien gibt, die nach einem Zusammenhang zwischen der Entstehung bösartiger Erkrankungen und psychischem Stress gesucht haben, fehlen dafür eindeutige Belege. \"Viele Patienten machen als Auslöser sehr schnell ein einzelnes Schockerlebnis oder eine kurze, besonders schwierige Phase in ihrem Leben verantwortlich\", sagt Volker Tschuschke, Professor für Medizinische Psychologie an der Universitätsklinik Köln. Solche individuellen Erklärungen, Antworten auf das \"Warum gerade ich?\" helfen den Betroffenen, seien aber \"durch keinerlei wissenschaftliche Nachweise gestützt\".

Etwas anders könnte es für Menschen aussehen, die über lange Zeiträume hinweg unter extremer psychischer Belastung standen. Israelische Epidemiologen um Itzhak Levav haben Landsleute, die einen erwachsenen Sohn - etwa im Jom-Kippur-Krieg - verloren haben, mit anderen Israelis der gleichen Altersgruppe verglichen, die von solchen tragischen Erfahrungen verschont geblieben waren. Ergebnis: Für die meisten Krebsleiden hatten die Traumatisierten kein erhöhtes Risiko. Für manche aber schon, etwa für Melanome und Leukämien.

Streit über Psychotherapien

Allerdings tun sich Forscher schwer, aus dieser Beobachtung eine direkte Kausalität zwischen Stresserfahrung und Krankheit abzuleiten. Es scheint zwar plausibel, dass absolute Extremerfahrungen, die sich über sehr lange Zeiträume auf Menschen auswirken, Mitauslöser von Krebs sein können. Aber eine einzige Statistik liefert noch keine eindeutige Antwort, und andere Studien sprechen gegen diese Vermutung. Skandinavische Forschergruppen etwa veröffentlichten 2005 und 2007 Ergebnisse, die gar keinen Zusammenhang oder sogar ein reduziertes Brustkrebsrisiko bei Frauen unter Dauerstress vermuten lassen.

Relevanter als seine Rolle bei der Entstehung erscheint Ärzten und Psychologen eine ganz andere Frage: Welchen Einfluss hat Stress - und auch der Umgang damit - auf die Heilungs- und Überlebensaussichten bei Krebs? Kann eine Psychotherapie helfen? \"Da gibt es gerade furchtbaren Streit\", sagt der Kölner Psychoonkologe Volker Tschuschke, \"aber die Tendenz geht doch in die Richtung, dass die Psyche tatsächlich einen relevanten Einfluss hat.\" Tschuschke und seine Kollegen haben Leukämie-Patienten über Jahre hinweg begleitet. Diejenigen, die zum Zeitpunkt einer Knochenmarkstransplantation als seelisch besonders stabil und \"kampfbereit\" eingeschätzt wurden, hatten eine höhere Fünf-Jahres-Überlebenschance als solche, die bedrückt und passiv wirkten.

Psychologische Interventionen im Test

Psychische Stabilität könnte demnach von Vorteil sein. Und in den vergangenen Jahren hat auch Barbara Andersen von der Ohio State University in Columbus mehrere Studien mit ähnlichen Ergebnissen veröffentlicht. Im Fachmagazin Cancer etwa berichtete ihr Team 2008 von einem Vergleich zwischen zwei Gruppen von Frauen mit Brustkrebs. Die eine Hälfte der Probandinnen nahm nach ihrer Operation regelmäßig an einer Gruppen-Psychotherapie teil, in der Stress abgebaut werden sollte, die andere nicht.

Zwölf Jahre nach dem Eingriff zeigte sich der Unterschied: Die psychotherapeutisch betreuten Frauen erlitten seltener einen Rückfall als die Teilnehmerinnen der Kontrollgruppe, die durchschnittlich vergangene Zeit bis zu einem Rückfall war länger, und insgesamt hatten mehr von ihnen überlebt. \"Die Frauen, denen wir nach dem Zufallsprinzip psychologische Interventionen verordnet hatten, wiesen ein reduziertes Risiko für Rückfall und Tod auf\", formuliert es Andersen.

Geringe Signifikanz der Daten

In anderen Studien suchten die Psychologen und Mediziner aus Columbus nach solchen Molekülen im Blut, deren Konzentration bei Dauerstress zunimmt und die gleichzeitig als krebsfördernd gelten, Entzündungsfaktoren zum Beispiel. Die Ergebnisse passen ins Bild: Gerade bei Patientinnen, die zur Zeit der Diagnose die Symptome einer Depression zeigten, half eine Psychotherapie, die Entzündungsfaktoren im Blut zu reduzieren. Umgekehrt nahm die Zahl der Immunzellen, die Krebs bekämpfen können, bei ihnen zu.

All diese Beobachtungen klingen zunächst so, als ob sie zu einem Umdenken in der Tumortherapie führen müssten. Beim Blick auf die Zahlen relativiert sich diese Euphorie wieder. Die Unterschiede in den Gruppen halten einer statistischen Überprüfung stand, sind aber nicht besonders auffällig. 212 Frauen nahmen an der Studie teil; von den Patientinnen unter Psychotherapie starben 24, bei den anderen waren es 30. Allerdings sehen einige Mediziner und Psychologen in den Ergebnissen von Andersens Studien angesichts der noch immer ernüchternden Bilanz der üblichen Krebstherapie tatsächlich ein vergleichsweise hohes Potential für die psychotherapeutischen Maßnahmen. Denn auch die Hightechmedizin mit ihren Medikamenten und Bestrahlungen verspricht im Durchschnitt meist nur ein paar Monate zusätzliche Überlebenszeit.

Unerwartete Effekte

\"Psychologische Interventionen bei Krebspatienten können auf jeden Fall eine zusätzliche Option in der Therapie sein, die nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern auch die Überlebenschancen. Solche Therapien sind mehr als Ringelpiez mit Anfassen\", sagt Tschuschke, der in Köln gerade dabei ist, mit Kollegen ein sogenanntes Exzellenzcenter für integrierte Krebstherapie aufzubauen.

Wie kompliziert und teilweise überraschend die Verbindungen zwischen Körper und Geist gerade im Zusammenhang mit Krebserkrankungen sein können, zeigen zum Beispiel Ergebnisse einer als \"Kopenhagen-Studie\" bekannt gewordenen Untersuchung. Dort fanden die Statistiker sogar niedrigere Brust- und Gebärmutterkrebsraten bei gestressten Frauen.

Der unter psychischem Dauerdruck häufig gestörte Monatszyklus führt bei ihnen zu geringeren Östrogenwerten. Das jedenfalls könnte eine Erklärung für die paradox scheinenden Resultate sein, denn die genannten Krebsarten werden zum Teil durch das weibliche Hormon begünstigt. Alles in allem betonen die Forscher, dass ein- und dieselben \"Stressoren\" sich auf körperlicher und zellulärer Ebene ganz unterschiedlich auswirken können.

Angekurbelte Immunreaktionen

Zudem ist kurzzeitiger und vorübergehender Stress mit seinem schnellen Adrenalin- und Cortisolausstoß etwas ganz anderes als chronische Überlastung. Deshalb lassen auch die kürzlich in der Fachzeitschrift Brain, Behaviour and Immunity veröffentlichten Ergebnisse von Forschern aus Stanford aufhorchen. Die Arbeitsgruppe von Firdaus Dhabhar setzte Mäuse täglich für zweieinhalb Stunden unter Strapazen, indem sie diese in einem Plastikröhrchen einsperrte. Anschließend wurden die Tiere UV-Licht ausgesetzt, das Hautkrebs auslöst. Doch in diesem Fall hatte der Stress tatsächlich einen schützenden Effekt: Mäuse, die nicht in das Plastikröhrchen mussten, bekamen früher und häufiger Tumoren als die gestressten Nager.

Dhabhar führt das Phänomen auf eine durch Kurzzeitbelastung angekurbelte Immunreaktion zurück, messbar etwa durch eine deutlich erhöhte Zahl von Abwehrzellen in der Haut. Aber auch andere Mechanismen, die den gesamten Organismus und seine Zellen in Alarm- und Abwehrbereitschaft versetzen, könnten eine Rolle spielen. Schützt Stress also sogar vor Krebs?

Aber was folgt daraus?

Ganz so einfach sei die Sache nicht, sagt Dhabhar: \"Wir glauben, dass die damit verbundene Ausschüttung von Hormonen und Nervenbotenstoffen, also die klassische ,Kampf-oder-Flucht\'-Reaktion kurz sein muss und nicht zu häufig wiederholt werden sollte.\" Er sei, erzählt er, gerade dabei, das Phänomen an Menschen zu untersuchen.

Wie dieser Effekt klinisch genutzt werden könnte, weiß bislang niemand recht zu sagen. Im Gegensatz zu Verhaltenstherapien, die Belastungen minimieren sollen, wäre absichtlich ausgelöster Stress dem Behandelten wahrscheinlich kaum zu vermitteln. Und was könnte überhaupt als therapeutischer Kurzzeitstress funktionieren? Eine Spritze mit Stresshormonen? Oder jeden zweiten Tag ein Horrorfilm?

Die unterschiedlichen Befunde zum Thema Krebs und Stress und physiologische Wirkungen erinnerten uns vor allem daran, \"wie komplex das ganze Forschungsgebiet ist\", sagt Carolyn Fang vom Fox Chase Cancer Center in Philadelphia. Entscheidend seien wohl weniger die Stressfaktoren selbst, sondern die individuelle Reaktion jedes Einzelnen.

Wer also abends gerne einen Thriller guckt und danach trotzdem entspannt einschlafen kann, könnte seine Vorliebe jetzt mit einer gewissen Berechtigung als Krankheitsprophylaxe rechtfertigen.

Text: F.A.S.

 



www.faz.de

 
Aktueller Stand

Diskussions-Forum

BiotechnologieForum
Fragen & Antworten
Probleme & Lösungen


Newsletter

Erhalten Sie stets alle News sofort per E-Mail.
Ihre  E-Mail :
Termine


Aktuelle Events
und Veranstaltungen


© Copyright 2002 Joachim Glang und 1ZWO GbR, bitte beachten Sie den Haftungsausschluss