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[28.12.2009]

Immer Ärger mit dem Pillen-Prüfer

Von Alexander Marguier: FAZ :Peter Sawicki steht in der Kritik, derzeit mehr denn je

Immer Ärger mit dem Pillen-Prüfer

Von Alexander Marguier

 

13. Dezember 2009 Wie ein Getriebener wirkt er nicht, im Gegenteil: Peter Sawicki ist die Ruhe selbst. Man könnte auch sagen: Der Mediziner ist so aufgeräumt wie sein Büro im Kölner Stadtteil Kalk, über das der nordrhein-westfälische Ministerpräsident spitz bemerkte, es befinde sich ja wohl auf der falschen Rheinseite, als er Sawickis Arbeitsplatz mit dem sperrigen Namen einmal besuchte. „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“, kurz IQWiG (Kenner sagen „I-Quick“), das klingt nach verstaubten Gummibäumen und abgestandenem Kaffee aus Thermoskannen. Aber so ist es nicht, die Einrichtung ist sachlich-modern, alle Mitarbeiter machen einen höchst agilen Eindruck, ihr Chef sowieso. Und was ihn und seine rund hundert Kollegen auf dem ehemaligen Gelände des Motorenbetriebs Klöckner-Humboldt-Deutz den lieben langen Tag umtreibt, hat zwar viel mit Wissenschaft und Administration zu tun, aber nichts mit Elfenbeintürmen und Behördenmuff. Das IQWiG ist nämlich so etwas wie die Stimme der Vernunft im von Partikularinteressen zerzausten deutschen Gesundheitssystem.

Als das Institut 2003 im Zuge der Gesundheitsreform ins Leben gerufen wurde und ein Jahr später mit seiner Arbeit begann, war der Auftrag klar: die Vor- und Nachteile medizinischer Leistungen für Patienten objektiv zu überprüfen. Das hat ihm zum landläufigen Namen „Pillen-TÜV“ verholfen, wobei es nicht nur um den Nutzen von Arzneimitteln geht, sondern auch um die Sinnhaftigkeit von Behandlungsmethoden. Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheitsleistungen ausgegeben werden, ein überaus ambitioniertes Vorhaben, bei dem der Laie sich fragen mag, warum die Politik überhaupt erst so spät Ernst damit machte.

„Evidenz“ ist ein Lieblingswort des Diabetes-Experten

Als Peter Sawicki der IQWiG-Chefposten angeboten wurde, war er seit vier Jahren Direktor der Abteilung für Innere Medizin des St. Franziskus-Hospitals in Köln und stand im Ruf eines kritischen Arztes, der sich weder von Pharmavertretern umgarnen ließ noch medizinisches business as usual betrieb: Sawicki war Mitherausgeber des unabhängigen „arznei-telegramms“ und hatte außerdem das „Institut für evidenzbasierte Medizin“ gegründet. „Evidenz“ ist ein Lieblingswort des Diabetes-Experten, es bedeutet Gewissheit. Und umgekehrt, dass man den Mut haben muss, sich selbst und seinen Patienten keine Sicherheit vorzugaukeln, wo Zweifel angebracht sind. Unter Ärzten ist das keine besonders weitverbreitete Tugend.

Zum Beispiel Schweinegrippe. Damit hat sich das IQWiG zwar nicht beschäftigt, aber dessen Leiter hat dennoch eine Meinung dazu, wenn er denn gefragt wird. Und die geht so: Wer die Gesellschaft schützen wolle, müsse sich impfen lassen; wer sich selbst vor dem Virus schützen wolle, komme schlichtweg nicht umhin, Chancen und Risiken einer Impfung gegeneinander abzuwägen und dann eine eigene Entscheidung zu fällen. Klingt plausibel, setzt aber voraus, dass dem Betroffenen sämtliche vorhandenen Informationen über den Impfstoff dargelegt werden - ebenso, wie man ihn darüber aufklärt, wo Wissenslücken bestehen und Erfahrungswerte fehlen. Patienten, die ihren Arzt als eine Art Orakel sehen, dürften mit dieser Herangehensweise nicht viel anfangen können; Ärzte, die meinen, im Besitz der alleinigen Erkenntnis zu sein, auch nicht. Unter dem Vorzeichen der Evidenz aber ist das der einzig mögliche Weg. Ihn von Anfang an zu beschreiten, hätte zumindest verhindert, dass Experten öffentlich widersprüchliche Ratschläge erteilen und die Verwirrung hinterher größer ist denn je. „Die Art, wie in Deutschland die Diskussion geführt wurde, war eine Katastrophe“, sagt Sawicki.

Es geht um ein Milliardengeschäft

Die Art und Weise, wie er sein Institut leitet, betrachten manche Leute ebenfalls als Katastrophe. Dass Sawickis größte Kritiker aus der Pharmaindustrie stammen und sich mit öffentlichen Äußerungen eher zurückhalten, ist allerdings nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen: Aufgabe des IQWiG ist es ja gerade, der Pillen-Branche nicht alles durchgehen zu lassen - da macht man sich als Chef-Kontrolleur naturgemäß nicht beliebt und muss mit dem einen oder anderen Rufmordversuch rechnen. Eines nämlich werfen Sawicki selbst seine Feinde nicht vor: dass er seinen Job nicht ernst nehme. Mit heiligem Eifer reite er seine Attacken, heißt es von Leuten, die ihm nur allzu gern das Etikett „Pharma-Gegner“ anheften möchten.

Wer nicht mit offenem Visier kämpft, macht es seinem Gegner leicht, sich zum Opfer zu stilisieren. Das weiß Sawicki, und er profitiert letztlich auch davon, dass die pharmazeutische Industrie nicht gerade im Ruf steht, der Christliche Verein junger Männer zu sein. Es geht um ein Milliardengeschäft, und wenn das IQWiG ein Medikament als nutzlos oder gar schädlich einstuft, drohen den Herstellern Einbußen in Millionenhöhe, weil das Verdikt meistens dazu führt, dass die Krankenkassen eine Kostenerstattung ablehnen. Solche Fälle gibt es durchaus: Reboxetin zum Beispiel, ein Wirkstoff, der in Deutschland zur Behandlung von Depressionen zugelassen ist, hat laut IQWiG keinen Nutzen. Besser gesagt: „Dass Menschen mit Depressionen vom Wirkstoff Reboxetin profitieren können, ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen“, wie es auf der IQWiG-Homepage heißt. Dass Pfizer als Hersteller dieser Substanz nicht gerade glücklich über solch ein Ergebnis ist, kann man sich denken; offenbar hat der Konzern sogar versucht, eigene Studien unter Verschluss zu halten. Ganz ähnlich traf es unlängst teure, sogenannte Analog-Insuline, welche Diabetes-Patienten laut Abschlussbericht keinen höheren Nutzen stiften als deutlich preiswerteres Human-Insulin. Oder die Stammzell-Transplantation, wie sie oft bei Leukämie-Kranken vorgenommen wird: „Als Arzt dachte ich früher, dass es für diese Art von Therapie Schränke voller aussagekräftiger Studien gibt“, sagt Sawicki. Nach einer IQWiG-Auswertung weiß er es inzwischen besser: Die Datenlage ist extrem dünn, sicher ist nur, dass jeder dritte Patient an den Folgen dieser Therapie stirbt.

Das IQWiG wertet existierende Studien aus

Peter Sawicki reißt sich nicht darum, schlechte Nachrichten zu produzieren oder Medizinerkollegen vor den Kopf zu stoßen. Es ist auch nicht so, dass sein Institut eigenmächtig handelt und nach Gutdünken irgendwelche Medikamente auf den Prüfstand stellt, die ihm nicht ganz koscher erscheinen. Die Aufträge werden dem IQWiG vielmehr erteilt - und zwar vom Bundesgesundheitsministerium und vom Gemeinsamen Bundesausschuss, also dem obersten Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen. Es existieren auch keine eigenen Labors, wie mancher vielleicht denken könnte, in denen Kölner Pharma-Hasser so lange an Medikamenten herumdoktern, bis der Beweis ihrer Wirkungslosigkeit erbracht ist - das IQWiG wertet lediglich existierende Studien aus und bittet externe Fachleute um Rat. Für Verschwörungstheorien gibt es also wenig Anlass.

Trotzdem steht Peter Sawicki in der Kritik, derzeit mehr denn je. Sein selbstherrliches Auftreten nerve gewaltig, sagt jemand aus der Politik, der - wie so oft bei dieser Personalie - ungern genannt werden will. Nicht von „evidenz-“, sondern von „eminenzbasierter“ Medizin ist bei Kritikern die Rede, wenn es um den IQWiG-Chef geht. Sogar der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP widmet dem Institut einen eigenen Absatz: „Die Arbeit des IQWiG werden wir auch unter dem Gesichtspunkt stringenter, transparenter Verfahren überprüfen und damit die Akzeptanz von Entscheidungen für Patienten, Leistungserbringer und Hersteller verbessern“, heißt es da wörtlich. Was nichts anderes bedeutet, als: Sawicki arbeite mit undurchschaubaren Methoden. Der Gescholtene widerspricht vehement: „Mehr Transparenz als bei uns kann es gar nicht geben - es sei denn, wir veröffentlichen auch noch die Farbe der Unterwäsche unserer Mitarbeiter.“ Jeder Schritt werde genauestens dokumentiert und publiziert, die Pharmafirmen könnten jederzeit Stellung beziehen - aber Mauscheleien und informelle Hintergrundgespräche mit den Beteiligten seien bei ihm eben nicht zu haben, rechtfertigt sich Sawicki.

Selbstverschuldeter Sturz eines Unbequemen?

Ende August nächsten Jahres müsste sein Vertrag um weitere sechs Jahre verlängert werden, aber dieser Tage sieht es gar nicht danach aus. Momentan ist nämlich eine Sonderprüfung im Gange, die Sawicki Ende November offenbar gegen sich selbst verfügt hat. Äußern will er sich dazu nicht, weil Verschwiegenheit vereinbart worden sei. Aber man braucht nicht lange herumzutelefonieren, um vom gegnerischen Lager gesteckt zu bekommen, dass es dabei wohl um Dienstwagen und ungerechtfertigte Parkhausbelege geht. „Ein Minister hätte wegen so etwas längst zurücktreten müssen“, heißt es.

Selbstverschuldeter Sturz eines Unbequemen? Oder Intrige gegen den Herausforderer der Pharma-Lobby? Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagt: „Sawicki macht genau die Arbeit, für die er bezahlt wird - seriös, kompetent, gewissenhaft.“ Die aktuellen Geschehnisse seien „eine Art des Wegmobbens durch FDP und Union“. Will sagen: Da soll einer auf Betreiben der mächtigen Pillen-Industrie abgesägt werden. Ulrike Flach, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, macht sich zwar für das Institut als solches stark, spricht aber auch davon, dass „mitunter der Eindruck“ entstehe, das IQWiG arbeite „nicht immer nach transparenten Kriterien“. Das soll dessen Leiter treffen, der wiederum fordert, Kritiker mögen ihre Vorhaltungen bitte schön konkretisieren.

Das derzeitige Geschacher und Geschiebe und Hintenrum-Gerede wegen der beruflichen Zukunft von Peter Sawicki vermittelt zumindest mal einen kleinen Eindruck davon, mit welcher Art von Bandagen in der Gesundheitspolitik gekämpft wird. Sawicki selbst sagt, er könne jederzeit wieder als Arzt arbeiten, das sei sowieso „der schönste Job nach dem Papst“. Ob er das wirklich so locker sieht, sei einmal dahingestellt. Für den Verbraucherschutz jedenfalls wäre seine Abberufung ein Verlust.

Text: F.A.S.



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